Vorsicht TRIGGER GEFAHR und langer Text!

Fast den ganzen letzten Dezember (2016) verbrachte ich im Krankenhaus.
Ich befand mich in einer tiefen Krise und wollte am liebsten nicht mehr leben. Die Selbstmordgedanken waren ziemlich akut, allerdings habe ich keinen Versuch unternommen. Auch wenn ich ehrlich sagen muss, dass ich davon nicht weit entfernt war. Mit jedem Tag in der Krise wurden die Gedanken darüber mehr. Es fing sehr schleichend an und zu guter letzt, fragte ich mich immer wieder: Warum springst du nicht aus dem Fenster oder schneidest dir endlich die Pulsardern auf? Mach Schluss, du liegst doch eh nur rum.
Das war dann auch der Punkt, an dem ich mir Hilfe suchte.
Meine Anlaufstelle war, wie im Frühjahr (2016) auch, die Ambulanz der Psychiatrie in meinem Wohnort. Dort habe ich einen „Behandler“, Dr. K., welcher mich durch die erste Krise gebracht hat und mir meine Anitdepressiva verschrieben hat.
Ein ganz netter Mann mittleren Alters mit halb Glatze und Brille, schlaksig und etwas größer als ich. Kurz um: Das Klitschee eines Psychologens.
Ich kam an einem Dienstag bei ihm an und musste lange warten, denn ich konnte nicht bis zu der nächsten Sprechstunde warten, denn er hat nur Montag und Freitags welche und ich wollte unbedingt zu ihm. Dennoch nahm er sich an diesem Dienstag ziemlich viel Zeit für mich und war zunächst überrascht mich zu sehen und noch mehr überrascht als er feststellte in was für eine Krise ich steckte und wie tief ich schon drin steckte. Dennoch bekam ich eine Menge Lob von ihm. Immerhin hatte ich es geschafft mich bis dahin nicht wieder Selbstzuverletzten. Er stellte mir viele fragen, auf die meisten kannte ich nicht wirklich eine Antwort. Ich war fertig, ausgebrannt, gefühlsleer und nicht mehr ganz so willig am Leben zu bleiben.
Als er mich fragte, was ich jetzt tun möchte, brauchte ich nicht lange zu überlegen. Ich wollte in die Sicherheit einer Klinik. Er fand die Idee gut und meldete mich an. Ein paar Tage, so sagte ich ihm, würde ich wohl noch schaffen. Aber richtig sicher war ich mir nicht und er sich auch nicht den ich bekam direkt einen Termin für in zwei Tagen um zu sehen wie es mir dann geht und ob ich überhaupt noch lebe.

Dieser kleine Besuch machte mich vollkommen fertig. Ich verbrachte den restlichen Tag im Bett. Ich weinte, mal vor Freude und Erleichterung, mal vor Angst und Ekel vor mir selber. Mir diese Hilfe zu holen, nach ihr zu verlagen, hatte mich alles gekostet.
Aber ab da hieß es: Warten.
Die Klinik war voll und ich habe immerhin noch nicht versucht mich umzubringen. Also konnte vielleicht die Hoffnung auf baldige Hilfe reichen um mich über  ein paar Tage zu retten. Das klappte auch ganz gut. Bis auf den Abend vor der Klinik an dem ich mich betrank, mich schnitt und rauchte, weil ich die Geduld verloren hatte.
Am nächsten Morgen kam dann der erlösende Anruf. Ab morgen konnte ich in die Klinik. Wuhu! Ich freute mich wirklich und fand es auch nicht weiter schlimm oder tragisch, dass dies an meinem Geburtstag passieren sollte.

An den Abend bevor ich in die Klinik ging, erinnere ich mich nicht mehr wirklich. Aber entweder war ich bei meiner besten Freundin oder ich war bei meiner Familie. Auf jeden Fall war ich nicht richtig da. Gedanklich abgedriftet und nur noch am funktionieren, also das tun was man erwartet.
Der Morgen bevor es in die Klinik ging fing früh an. Ich fuhr zu meiner Schwester und sie brachte mich in die Klinik. Alles war neu für mich und ich war unglaublich aufgeregt, aber ich freute mich auch. Ich kam an und musste erstmal warten. Lange warten. Ich musste so lange warten, dass meine Schwester irgendwann los zur Arbeit musste.
Alleine warten war noch beschissener. Aber ich nutze die Zeit und schaute mir an die Menschen auf der Stadtion an. Sie schienen ganz normal zu sein. Ich hatte gelesen, dass ich in die Stadtion für Borderliner und Krise komme. Aber ne Ahnung was Boderline ist oder wie es sich auswirkt hatte ich nicht. Gegoogelt habe ich vorsichtshalber auch nicht. Nachher wäre ich in Panik geraten 😀 Aber die ersten Menschen die vorbei liefen schienen recht normal zu sein. Sie begrüßten mich, sie unterhielten sich untereinander und lachten.
Nach etwa 2 Stunden kam dann meine Ärztin und nahm mich mit zum Gespräch. Meine Sachen packten wir ins das Schwesternzimmer, denn die Pflege hatte mir mein Zimmer noch nicht gezeigt.
Die Ärztin, Frau K. (schon wieder ein K !), war noch recht jung, höchstens 35 und das schätze ich auch nur weil ich weiß das studieren etwas dauern kann. Auf jeden Fall war sie sehr lieb und hörte mir aufmerksam zu. Sie stellt hin und wieder fragen zum Verständnis, machte sich Notizen und zeigte Verständnis für meine Probleme. Es war ein angenehmes Gespräch, obwohl die Themen von der harten Sorte waren. Danach untersucht sie mich. Halt rein körperlich, ob man Fieber hat und solche Sachen. Fragte mich auch über meine Krankengeschichte aus und über mögliche Arzttermine und Diagnosen.
Danach ging es ab auf das Zimmer, welches ich mir mit einer alten Frau aus Russland ohne Deutschkenntnisse aber ganz lieb teilte, und ich fing an auszupacken. Danach ging ich raus und fand direkt Anschluss, da mir die liebe Jana erstmal alles erklärte und zeigte. Sie nahm mich auch mit zum ersten Mittagessen (das zufällig auch das leckerste der ganzen Zeit war) und zeigte mich dort alles. Sie ist ein sehr lieber Mensch, der dir die Welt erklären kann. Durch sie habe ich dann auch Caro kennengelernt. Mit den beiden und besonders mit Caro habe ich die freie Zeit in der Klinik verbracht.

Die ersten Tage war nicht wirklich viel los, bis auf das ein oder andere Gespräch mit verschiedenen Personen (Pflege, Oberärztin, Frau K). Immer ging es zuerst um meine Probleme die zu der Krise geführt haben und dann um das körperliche und welche Untersuchen noch gemacht werden sollten.
Ich sollte ins MRT, EKG und Blutabnahme standen an. Über meine Medis wurde natürlich auch gesprochen. Ach und der Blutdruck wurde an drei Tagen hintereinander, drei mal am Tag getestet. Meiner war etwas zu hoch, so das ich dann irgendwann ein langzeit Blutdruckmessgerät bekommen habe. Sehr bescheidene Erfahrung! Brauche ich definitiv nicht nochmal! 😀 Aber es zeigte sich, dass mein Blutdruck kein Problem – ich war wohl nur nervös während den anderen Messungen.
In der vielen freien Zeit spielten wir. Ob einfach Karten, Romme, Uno oder Mensch ärgere dich nicht – alles war in dieser Zeit dabei! Es machte eine Menge Spaß und vertrieb gut die Zeit. Denn in einer Psychiatrie gibt es vor allem eins: Viel Zeit!
Neben den Anwendungen die man hat (komme ich gleich zu) hat man auch viel Zeit zum nachdenken und Pläne machen und um aktiver zu werden.  Aber da man das nicht ständig macht und auch besonders nicht am Anfang, wenn man noch in der Krise ist, braucht man etwas anders. Und Gesellschaftsspiele spielen macht Spaß und bringt einen Näher zusammen. Ich habe das sehr genossen und es hat mir wirklich Spaß gemacht.

Richtig anstrengend war die erste Woche, nach der Eingewöhnung. In der Zeit redete ich oft und viel mit den Menschen von der Klinik. Vorwiegend über die akuten Probleme. Wir versuchten Lösnungen zu finden. Aber gleichzeitig wurde mir auch klar wie schwer die Probleme sind und wir sehr sie mich treffen und verletzen. Hätte ich das zu hause gemerkt, dann wäre das sicher der Moment gewesen meine Gedanken in die Tat umzusetzten, denn es tat verdammt weg!
Ich schaffte es in diesen 3 -4 Tagen nur mit Mühe am Leben in der Klinik teilzunehmen. Der Druck der von den Pflegern kam war dabei eine Hilfe und ich merkte in der Zeit wie viel ich tatsächlich schaffen kann, wenn ich nicht nur rumliege und/oder schlafe. Das gab neue Energie, auch wenn die Schlafprobleme nicht besser wurden. Dennoch half auch sehr die Gespräche zu führen und immer wieder über meine Gefühle zu reden und an Lösungen zu arbeiten. Verständnis und Zuhören gibt so viel Kraft. Auch nicht zu unterschätzen: Man muss sich um nichts weiteres kümmern. Essen wird gemacht, putzen braucht man auch nicht und man hatte Menschen um sich, welche einen wirklich verstehen können.
Freunde und Familie geben sich zwar Mühe, aber viele von ihnen habe das selber (zum Glück) noch nicht durchgemacht und von daher ist es schwer zu erklären bzw du musst alles erklären, was dich dann von dem eigentlichen Problem wieder ablenkt.

Da ich auf der Stadtion war wo es auch für Krisenpatienten wie mich etwas Problem gab, hatte ich einen Laufzettel mit meinem Programm um ihn abzuarbeiten.
Es waren ganz einfache Dinge, aber sie helfen und halfen gut und brachten mich wieder ein Stück mehr ins Gleichgewicht zurück. Es ging auch zu einem großen Teil darum einfach wieder in Bewegung zu kommen.
So gab es den Punkt  „Bewegung am Morgen“ und dort spielten wir dann einfach Badminton. Es gab auch Yoga, welches nichts mit Fitnessyoga zu tun hat und sich um Atmung und Konzentration drehte. Ein interessanter Punkt, den ich hatte, war „Imanigation“. Es ist wie Traumreisen, nur intensiver. Es bietet dir einen Rückzugsort in dir selber und hilft dir flüchten zu können. Das machte wirklich Spaß und ich habe das auch mit in meinen Alltag integriert. Yoga, Traumreise und Mediation sind drei wertvikke Dinge die ich dort gelernt habe und immer noch anwende und davon profitiere.
Jeden Morgen gab es eine Besprechung die Pflicht war um 8.10 Uhr und das war immer zu früh für mich, aber ich habe es immer geschafft auch wenn manchmal eher schlecht als recht 😀 Ansonsten stand nur noch Entspannung nach dem Mittagessen auf dem Plan und das konnte man entweder alleine oder geführt machen. Ich machte es meistens alleine, da das ja auch das ist wie man es später dann macht.
Bis auf die Essenszeiten war es das dann auch mit meiner Planung bzw. Verpflichtungen. Danach gab es dann eben Zeit für mich und auch für Moment mit den anderen Patienten. Bei Problemen konnte man aber dennoch jeder Zeit mit einem Arzt oder Pfleger (eher mit denen) reden.

Während meiner 2 Wochen und 2 Tage in der Psychiatrie habe ich also viel Zeit gehabt, viel gelernt und wurde intensiv untersucht.
Ich war im MRT und dabei kam raus das ich noch mal zum Neurologen muss wegen einer Verwachsung im Gehirn, die aber nicht lebensgefährlich ist und lediglich überwacht werden sollte. Allerdings habe ich in den letzten zwei Wochen oft Kopfschmerzen und lasse es deswegen noch mal überprüfen. Auf jeden Fall ist es sehr komisch in einer Röhre zu liegen und sich nicht bewegen zu dürfen. Allerdings war das schlimmste, dass ich eine Verleihkanüle im Arm hatte und die sehr unangenehm weh tat und auch unnötig war, da sie das auch spritzen können… doof gelaufen!
Mein Blutdruck wurde ja auch gecheckt wie ich erwähnt hatte. Mein Blut auch. Es wurde ein Medikamenten Spiegel gemacht und der zeitige das ich mehr Medikament brauchte um richtig behandelt zu werden. Auch wurden meine Vitamine gecheckt. Ich hatte Kalium, Vitamin B12 und Folsäure Mangel und nehme seit dem auch Nahrungsergänzungsmittel dagegen ein. Mein Herz wurde auch überprüft und es verbesserte sich sogar während der Medikamentenerhöhung. Nicht das es schlecht war, aber es wurde eben noch etwas besser bzw. gleichmäßiger.

Als Fazit würde ich sagen: Ich würde es immer wieder machen, wenn ich in einer solchen Situation bin und mir nicht mehr zu helfen weiß.
Ich fühlte mich dort beschützt und lernte wieder zu funktionieren. Funktionieren mag für den ein oder anderen schlimm klingen, aber mehr wird bei einer Krise nicht gemacht. Du musst dir selber helfen um wirklich wieder zu Leben. Sie können nur helfen die akute Situationen zu überstehen und dir zeigen wie du gestärkt daraus hervor gehst.
So habe ich seit dem auch einen kleinen Notfallkoffer mit Dingen die mich in das hier und jetzt zurückholen und eben auch meine Ansprechpartner und Hilfen beinhaltet.
Auch wenn ich in der Zeit in der ich dort war, meinen Freundin oft geschrieben habe das dort nichts passiert, habe ich gemerkt das die Zeit im Nachhinein sehr wichtig war. Ich konnte nachdenken, zu Entscheidungen kommen und diese auch mit jemanden besprechen. Und auch wieder Freude am Leben im Leben mit anderen finden (ich sag hier gerne noch mal : Gesellschaftspiele!).
Mit ein paar aus der Klinik halte ich noch Kontakt, weil sie einfach so liebe und fast normale Menschen sind, dich aber bei Problemen einfach etwas besser verstehen können als Menschen die das noch nicht erlebt haben. Es war eine interessante Erfahrung, die ich trotz der Schmerzen und des Leides als positiv wahrnehme.
Jedem in einer ähnlichen Situation würde ich auch dazu raten!
Etwas was mir aber zu denken geben hat, war das ich mich sehr schnell an dieses sicher Umfeld gewöhnt habe und nach der Entlassung Probleme mit Menschenmengen und allgemein der Öffentlichkeit hatte. Allerdings hat sich das wieder gelegt.

Oh man das ist wohl der längste Text überhaupt!
Wenn du es bis hier geschafft hast: Danke fürs Lesen!

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