Bei diesem Eintrag schicke ich eine große, nein riesige Triggerwarnung voraus!
Ich werde hier das Thema selbstverletztendes Verhalten behalten. Bitte lese diesen Text nur wenn du emotional Stabil bist oder niemals ein Problem mit diesem Verhalten hattest.
Und auch ganz wichtig: Ich schreibe hier aus meinen Erfahrungen. Man kann dies nicht verallgemeinern. Das gilt aber für jeden Eintrag auf meinem Blog.

Zuerst einmal möchte ich folgendes los werden: Selbstverletztendes Verhalten wird im folgenden SVV genannt, welches die allgemeine Abkürzung ist. Es geht dabei nicht hauptsächlich ums ritzen. Es gibt viele Dinge mit denen man sich selberverletzten kann. Zu viel Alkohol, Drogen, Unachtsamkeit beim Kochen oder der Gartenarbeit (Verletzungen werden mutwillig in Kauf genommen),Rauchen, unachtsames Auto oder Fahrrad fahren oder eben das Klassische sich ritzen bzw schneiden.

Das war es vorab. Nun kommen wir zum „eigentlichem“ Text, welchen ich verfassen wollte.
Ich habe schon lange mit SVV zu kämpfen, ca seit meinem 15 Lebensjahr ist das ein Teil meines Lebens. Erstaunlicherweise erinnere ich mich recht gut wie alles anfing. Als ich 15 Jahre alt war, waren sogenannte „Emos“ sehr im Trend und quasi die große „Rebellion“ meiner Generation. Für alle die es nicht wissen: Emos kleideten sich schwarz, mit ein paar bunten Farben als Akzent. Die Musik war rockig, aber die Texte gingen Tief ins menschliche Denken und Fühlen. Auch geschrienen wurde gerne bei dieser Musik. Nieten in aller Art und Form und einfach anders aussehen als die anderen. Das war so ziemlich das Wichtigste. Und als ein Zeichen des Auslebens der Emotionen kam es auf sich zu schneiden. Quasi eine Art Trend in dieser Szene.
Und genauso bin ich das erste Mal damit in Berührung gekommen. Ich trug gerne schwarze Kleidung und Nieten und schwarze Schminke machten mir „Spaß“ und passend, meiner Meinung nach, gut zu mir. Obwohl ich kaum Farbe verwendete wurde ich in der Schule schnell zu einem Emo. Das alleine sagte mir zu nächst nicht viel, aber durch das Internet machte ich mich schlau und wenn man Emos googelte war „Ritzen“ quasi das zweite wichtige Wort in dem Zusammenhang.
Zu erst dachte ich: Was für ein Käse! Warum sollte ich mir selber so etwas antun? Ich kannte niemanden der etwas in dieser Art tat und für mich war es zu erst einfach nur Blödsinn und ein doofer Trend.

Doch mit 16 Jahren ca, änderte sich etwas in meinem Leben und in meinem Denken. Das Emosein fing an mehr zu mir zu passen. Die Veränderung war schlicht und ergreifenden: Liebeskummer.
Ich war das erste Mal während meiner Pubertät verliebt und das so richtig. An jemanden oder etwas anderes denken wurde fast unmöglich. Natürlich teilte ich meine kleine Liebäugelein mit meinen Freundinnen. Sie waren der Meinung, dass ich es meinem Schwarm erzählen sollte. Aber da man ja nicht einfach damit ins Haus fallen konnte, schrieben wir ihm erst Mal Briefchen. Nachdem er wusste, dass ich dahinter steckte bekam ich einen Korb. Für mich brach eine Welt zusammen und ich spürte nur noch Schmerz und Trauer und konnte es nicht fassen. Es tat so unglaublich weh und ich konnte damit nicht umgehen. Ich kannte schon Schmerz und Kummer wenn man jemanden durch den Tod verlor, aber so war für mich einfach nicht nachvollziehbar und entzog sich meinem Verständnis.
Nach dem er mir dann in der Schule sehr übel mitgespielt hatte und ich so nicht nur Liebeskummer empfand, sondern auch gedemütigt wurde, lag ich den ganzen Nachmittag im Bett. Meine Brust war schwer und in mir wuchs der Wunsch, dass dieser Schmerz endlich nachlassen sollte. Leider passiert das nicht so schnell. Aber ich wollte es schnell haben. Die Leere in meinem Inneren tat so unglaublich weh und ließ sich nicht mal mit essen schließen. Und als ich an diesem Tag in die Badewanne gehen wollte, stieß ich mir den kleinen Zeh an. Dieser Schmerz pulsierte in mir und entfachte ein Feuer in mir und schloss diese Leere in meinem Inneren. Es war wie ein Rausch!! Am gleichen Abend in der Badewanne schnitt ich mich beim rasieren und bemerkte: Wenn es blutete tat es gleich 3 x so gut!

Diese Erkenntnis trug dazu bei, dass ich am nächsten Tag in einen Laden bin und mir Rasierklingen kaufte, welche ich kaputt machte so das ich jede der drei Klingen einzeln hatte. Dieser Klingen nutze ich nun um mir die Haut aufzuschneiden, da diese Art der Verletzung den Schmerz vertrieb und die Leere ein wenig ausfüllte. Als ich mir eine Stelle für die ersten Schnitte aussuchte, erinnerte ich mir wieder an das „ritzen“ was Emos so „gerne“ machen. Also beschloss ich auch die Unterarme zu nehmen, da ich diese eh durch meinen Style verdecken konnte.
Der Beginn einer ca. 1 jährgen Hass – Liebe zum schneiden (das Wort ritzen mag ich nicht, da es mich nur an Emos erinnert und da ich es heute noch mache, passt schneiden besser zu mir.). Es zog sich meinen ganzen rechten Unterarm hoch und selbst meine Handfläche öffnete ich regelmäßig. Versorgen tat ich meine Wunden nicht wirklich. Eine Kompresse darauf und dann wieder die Stulpen drüber oder den Pulli. Nach etwa einem Jahr, verließ ich die Schule um ans Berufskollege zu wechseln. Somit sah ich diesen Typen nicht mehr, der mich nicht nur nicht wollte, sondern sich darüber auch liebend gerne auf meine Kosten amüsierte und mich demütigte. Und plötzlich gehörte es nicht mehr zu meinem Leben mich zu schneiden.
Etwas in mir wollte das auch nicht mehr. Die Narben sind ja nun doch nicht wirklich hübsch. So beschloss ich von einem auf den anderen Tag es nicht mehr zu machen. Und ich hielt mich auch knapp 4 Jahre daran.

Dann kam der erste Rückfall.Mit ca. 20 Jahren. Heute weiß ich, dass dies definitv eine depressive Phase war, welche ich mit dem schneiden überbrückte.
Aber ich sagte ja auch schon: Es ist mehr als schneiden. Ich fing für ein halbes Jahr an zu rauchen, trank mehr Alkohol als nötig oder gut gewesen wäre, wenn wir feiern waren. Aber was ich zu dieser Zeit sehr stark bei mir entwickelte war, dass ich mich Überfraß. Regelmäßig und in immer größeren Mengen. Meistens Süßigkeiten, aber ich hatte auch ein Auto und fuhr hier und da mal zu Burger King oder Mc Donalds und bestellte dort alles, was es ohne Fleisch gab. So schnell war ein neues SVV geboren: Überfressen und Gewicht zunehmen. Und ich nahm zu – sehr gut sogar! 10 Kilo damals in der Zeit vor 5 Jahren. Mittlerweile sind es 30 Kilo, welche ich mehr mit mir herum trage, als in der 10. Klasse! Den anstatt etwas gegen dieses Verhalten zu machen, weil ich mich danach schlecht fühlte, ließ ich es wie es danach war und nahm natürlich immer weiter zu, denn meine „Downphasen“ waren damals zwar kurz aber häufig und im vergleich zu heute „Babykram“.

Zwischen meinem 21 und 24 Lebensjahr schnitt ich mich nicht ein einziges Mal. Aber das problematische Essverhalten ersetzte das recht „gut“. So wurde ich dicker, aber ich bildete mir ein: Das sieht eh keiner! Bei so dicken Menschen wie dir sieht das keiner! … Ähem ja… schön wäre es! Selber sich merke das. Na gut auch erst mittlerweile, aber es ist definitiv zu bemerken.
Abnehmen versuchte ich immer mal wieder, mehr schlecht als Recht. Meistens ohne wirklich dahinter zu stehen. Ich hatte erst einen Abnehmversuch, denn ich wirklich ernsthaft nennen würde. Mit 23 Jahren meldete ich mich im selben Fitnessstudio an wie meine beste Freundin es ein Jahr zuvor auch gemacht hatte (btw damals war sie nicht meine beste Freundin, durch den Sport kamen wir uns näher).  Zusammen mit meiner Besten und dem echt süßen Trainer und neuen Tipps zur Ernährung wurde ich tatsächlich 10 Kilo leichter. Nur um später 20 Kilo zuzunehmen. Weil man muss ja nichts dauerhaft verändern (Ironie off).

Nach diesem etwa 6 monatigem Abnehmversuch kam dann eine „Downphase“ von der sich meine Freundin mitzogen ließ und so schlief der Sport ein und ich fiel wieder in alte Muster zurück. Und nahm wieder zu.
Der Höhepunkt der SVV befindet sich dann bei mir Ende 2015. Ich war ausgezogen, überfordert mit eigentlich allem und meine Depression nahm unglaublich schnell, unglaublich viel fahrt auf. Ich lag eigentlich nur noch rum nach der Arbeit. Vielleicht schlief ich. Vielleicht aber auch aß ich, nein ehrlich gesagt ich fraß. Süßigkeiten ohne Ende. Sie wurden mein Abendessen, Mittagessen und ja manchmal auch Frühstück. Seit Ende 2015 wurde ich dieses Essverhalten nicht mehr los. Ende 2016, der absolute Tiefpunkt von allem. Vom Essen, vom Leben und von der Depression, trieben mich dazu mich wieder zu schneiden. Dieses Mal nahm ich den Oberarm auf der rechten Seite. Ich nahm dieses mal andere Klingen um tiefer zu kommen. Auch spielte ich mit dem Gedanken mir damit die Pulsadern zu öffnen. Also mussten scharfe und gute Klingen her.

Ende 2016 war also der Tiefpunkt. Ach ja geraucht habe ich in diesem Monat (Dezember) auch. Soll einen ja schneller ins Grab bringen – konnte also nur hilfreich sein.
Das sind so dumme Entscheidungen!! Das möchte ich betonen: Ich selber finde es doof und dämlich und kann es nicht nachvollziehen, wenn ich nicht in einem solchen Loch bin! Aber in diesem Moment half es – natürlich auf die falsche Art und Weise. Aber ich versuche es positiv zu sehen: Durch die SVV konnte ich die Krise wenigstens überleben! Das kann ich nicht garantieren, wenn ich mich nicht so misshandelt hätte.
Mittlerweile war ich ja in der Psychiatrie. Dort habe ich einiges über mich selbst und auch über mein Verhalten gelernt. So bin ich zum Beispiel eine Vermeiderin. Ich versuche alles zu vermeiden, was mir unangenehm ist. Das fängt beim Telefonieren an und endet bei so was wie Streitgespräch mit Freunden oder Familie.  Aber um auf das SVV zurück zu kommen.
Das war auf der Stadtion auf der ich war ein großes Thema, da ich mit Borderlinern zusammen war. In Gesprächen mit den anderen Patienten lernte ich viel über die Notfallkoffer und wann diese benutzt werden. Ich lernte alles über Auslöser, besonders über meine. Und auch was in einen Notfallkoffer rein kommt erfuhr ich im Gespräch mit den anderen. Um das ganze aber „gesichert“ zu haben, sprach ich den Notfallkoffer mit meiner Ärztin an und sie gab mir eine Liste mit Infos und Möglichkeiten.

Und damit dieser Text auch etwas Lehrreiches hat, dachte ich gehe ich weiter auf die Notfallkoffer ein.
Für mich ist meiner echt wertvoll und hilfreich und ich habe ihn immer dabei.
Meiner enthält:
– Minzöl (gegen Kopfweh und ich liebe den Geruch)
– 1 Gummiband (um es sich gegen die Haut zu schnalzen, wenn man Schmerz „brauch“)
– Lavendelöl (beruhigend und entspannend)
– Harter Igelball (Druckmassage)
– Nummer von Hilfsstellen / Krisenpass

Diese Dinge geben mir verschiedene Impulse. Sie beruhigend mich, lenken mich ab oder setzten einen Schmerzreiz. Alles damit der Drang sich selber zu verletzten abebben kann ohne das man es wirklich tut.
Einige Menschen haben dort auch Dinge drin die mehr auf die Schmerzreize aus sind, da ihnen soetwas mehr hilft. So ist z.B. Tabasco oder Chilli recht „beliebt“, gerade auch wenn der Notfallkoffer gegen/für dessozieren ist. Ich kenne auch Menschen, welche sich Texte oder Sprüche zur Motivation in den Koffer legen. So ein Notfallkoffer sollte aber auf jeden Fall Nummern von Hilfsstellen enthalten, der Rest ist sehr individuell und es kommt rein was einem hilft. Zwischen 4-6 Hilfsmittel sollten es sein, da die kleine Menge dafür sorgt, das es auch tatsächlich hilfreich ist.

In den letzten zwei- drei Wochen etwa, benötige ich so gut wie gar nicht meinen Koffer. Das gute Wetter der letzten Zeit hebt meine Laune und lässt mich aktiverer werden. Das ist natürlich eine super Sache und ich freue mich darüber! Aber ich habe gelernt, dass es nicht für immer so bleibt und habe deswegen auch weiterhin meinen Notfallkoffer immer dabei.
Und nein es ist kein richtiger Koffer. Es ist eine kleine, schwarze Kosmetiktasche mit weißen Punkten drauf in meinem Fall. Es soll und muss ja auch nicht viel rein passen.
Einer meiner Wünsche für die Zukunft ist es, eines Tages ohne diesen Notfallkoffer leben zu können und meine Gefühle und Gedanken selber regulieren zu können (kann ich zwar so auch manchmal, aber eben nicht in Krisenzeiten und genau das möchte ich lernen).

Falls ihr Fragen zum Thema habt: Nur raus damit! Ich beantworte sie gerne, wenn ich es denn kann 🙂

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