Der Hacken

Ich bin Erzieherin.
Mache den Beruf auch sehr gerne. Ich arbeite gerne mit Kindern, gerade auch mit verschiedenen „Arten“ von Kindern. Es ist toll zu sehen, wie sie etwas entdecken oder rechtfertigen. Sie geben dir das Gefühl, das du gebraucht, geschätzt und gemocht wirst. Mit Kindern musst du ehrlich sein, sie durchschauen dich sofort. Kinder sind so unglaublich ehrlich und offen. Sie denken noch so rein und logisch. Es macht Spaß zu sehen wie sie sich entwickeln, wie sie von einem Kleinkind zu einem Schulkind werden. Natürlich ist auch viel Schreibarbeit bzw Dokumentationsarbeit mit dieser Arbeit verbunden. Das lässt sich aber gut in der Gruppe aufteilen und jeder macht ein bisschen was – immerhin nimmt ja auch jeder das Kind etwas anders war.
Die Arbeit mit den Eltern ist meistens eine relativ reibungslose Sache. Allerdings kann es auch zu Konflikten kommen. Man braucht Einfühlungsvermögen, denn wir passen auf das wichtigste auf, was diese Menschen haben: Ihrer Kinder. Natürlich machen Eltern sich Sorgen und brauchen Vertrauen in die Einrichtung und in die ErzieherInnen.

Zusammgefasst: Der Beruf ist schön. Allerdings darf man den Stress, den Druck und das Konfliktpotenzial nicht außer Acht lassen.

Nun war ich heute bei der Familie.
Und wie das so ist, wird auch über mich, meine Erkrankung und meinen Beruf gesprochen. Meine Tante hat mich gerade heraus gefragt: Magst du deinen Beruf den noch?
Wie vorprogrammiert habe ich geantwortet: Ja natürlich, ich arbeite gerne mit Kindern zusammen!
Nun einige Stunden später, fällt mir auf: Das war einfach meine Standart Antwort auf die Frage, aber mit der Frage an sich, habe ich mich schon lange nicht mehr intensiv beschäftigt. Das hat sich heute geändert. Tatsächlich ist mir nun aufgefallen: Ich mag die Arbeit mit den Kindern. Aus den Gründen die Oben aufgeführt sind. Aber ich habe im Moment große Probleme mit einigen Sachen/Dingen in dem Beruf.
Noch nie war ich warm geworden mit der Tatsache, dass ich Eltern auch mal nicht so gutes erzählen muss. Besonders bei Eltern, wo ich wusste das sie so etwas nicht hören wollten. Auch während meines Berufspraktikum war das schon recht schwierig. Aber die Chemie im Team und die Infos die ich herausgeben musste gaben mir genug Sicherheit um auch unangenehme Dinge anzusprechen. Diese Sicherheit habe ich bei der neuen Stelle nie erlangt und folge dessen stolpere ich immer wieder darüber.
Was ich aber besonders gemerkt habe, seit dem ich mich damit beschäftige, ist: Es fällt mir schwer nicht allen Kindern gerecht zu werden. Ich habe einen großen Sinn für Gerechtigkeit und bin auch sehr empathisch. So fällt es mir unglaublich schwer, Kinder die eine Bitte haben oder etwas erzählen möchten zurückzuweisen. Ich wäre gerne für alle Kinder meiner Gruppe da und helfe ihn gerne bei kleinen oder großen Problemen. Auch die Tatsache, dass die Kinder in einer Gruppe verschieden Alt sind macht mir zu schaffen, da man nicht so gut auf einzelne Kinder, gerade die die über 4 Jahre alt sind, eingehen kann. Ich habe oft das Gefühl, dass nur Wert auf die U3 Kinder und die Schulkinder gelegt wird und die anderen einfach untergehen. Immerhin haben die ja noch das große letzte Kitajahr vor sich – dafür muss man sich das spannende ja aufheben.  Der größte Bullshit! Und da ist auch der große Unterschied zu meinem Berufspraktikum: Dort gab es alters getrennte Gruppen und man konnte besser auf die Kinder eingehen. Ich war in der Gruppe mit den angehenden Schulkinder und dort war man darauf bedacht sie auch wirklich auf die Schule vorzubereiten. Die Kinder sollten sich auch mal selbstständig beschäftigen, kleinere Streiterein untereinander lösen oder an Projekten teilnehmen die Schulfähigkeit im klassischen Sinne förderte (Hören-Lauschen-Lernen für das erste Verständnis von Wörtern und Silben – Training des Gehöres). Und ich gebe auch zu: Das war eine Luxussituation und ich tat mich schwer mit dem Umbruch. Aber in einer Gruppe von 3 – 6 Jahren kam ich auch in der neuen Kita noch super zurecht. Die Kinder konnte ich dort ähnlich behandeln, da sie ja schon größere waren und ein großerer Anteil an Schulkindern herrschte.
Die Probleme begannen dadurch, dass ich wechseln musste und die gemischten Gruppen von 2 – 6 Jahren einfach zu weit auseinander empfinde. Man kümmert sich nur um die großen oder um die kleinen. Die Mitte hat die bereis erwähnte Arschkarte. Damit kam ich nicht klar und mein ohnehin schon vorhandenes Helfersyndrom wurde verschlimmert und das wiederrum zog an mir. Meine ganze Kraft ging in die Arbeit mit den Kindern, gerade den 3 und 4 jährigen und dazu kam die eiskalte Stimmung mit der neuen Gruppenleitung. Das zog mir zum ersten Mal den Boden unter den Füßen weg, besonders als ich dann noch einmal wechseln musste und mit der Kollegen auf fachlicherer Ebene einfach nicht klar kam.
Nach der ersten Krise und einigen Absprachen mit der Leitung fing die Wiedereingliederung an. Ich war sehr optimitisch und froh wieder arbeiten gehen zu können.

Die Zeit danach war auch recht schön. Ich war wieder bei den älteren Kindern. Durfte wieder mit einer Kollegin arbeiten, wo die Chemie zueinander passte. Sie stellte Erwartungen an mich die ich erfüllen konnte und sie erfüllte meine Erwartungen. Die Eltern in dieser Gruppe waren mitunter auch schwierig, aber es war aushaltbar. Ich ging ca zwei Monate wirklich wieder gerne zu Arbeit und konnte mir wirklich vorstellen in dieser Einrichtung zu bleiben.

Aber: So ist es ja nun nicht geblieben.
Was hatte sich verändert?
Die Kollegin die mir Vertrauen schenkte und die meins genoss wechselte. Sie hielt es in der Kita nicht mehr, denn sie konnte nun Leitung werden und dazu in einer Einrichtung, welche nicht so in einem Brennpunkt war.
Meine Leitung fragte mich darauf hin, wie es nach dem Weggang der Kollegin weiter gehen sollte. Ich antwortet darauf hin, dass ich bei meinen Kindern in der Gruppe bleiben möchte um ein wenig Stabilität vermitteln zu können, auch wenn das bedeuten würde mit der selben Kollegin wie vor der ersten Krise zu arbeiten. Aber ich hatte das für mich mehrer Tage durchdacht: Ich wusste worauf ich mich einlassen würde und war mir sicher damit klar zu kommen. Ich hatte ja auch von der ersten Krise gelernt.
Ich wurde krank, hatte Urlaub und war fast 4 Wochen am Stück nicht in der Kita und habe leider auch den Abschied von der Kollegin aus meiner Gruppe verpasst. Am Ende meines Urlaubes schrieb ich mit einer Kollegin und privaten Freundin und fragte sie nach dem Stand der Dinge. Wie war die neue Kollegin so? Wie kam sie bei den Kindern an? Ganz normales Gespräch. Bis ich mich dazu entschied, einfach mal zu Fragen ob ich noch in meiner Gruppe bin.
Die Antwort meiner Freundin: Eigentlich darf ich nichts sagen… die Leitung will es dir sagen.
Damit war alles klar: Ich durfte und musste mal wieder wechseln. Etwas in mir zerbrach. In Tausende Stücke. Ich fing an zu weinen. Ich weinte den ganzen Abend und konnte nicht fassen was ich erfahren hatte. Dazu müsst ihr eins wissen: Es war Teil der Wiedereingliederung das ich nicht mehr wechseln würde.
Ich weinte nicht nur an diesem Abend. Immer wieder brach es in mir durch. Ich habe es am Freitag erfahren und sollte am Montag arbeiten gehen. Ich war fix und fertig. Wie sollte ich das überstehen? Wieder U3? Wieder eine neue Kollegin, eine andere Gruppenleitung? Wieder ich die Wechseln musste?
Tatsächlich war für mich dann Schluss innerlich, dachte ich zu mindestens. Ich beschloss mir etwas neues zu suchen. Wer mich nicht zu schätzen weiß, der kann mich mal. Ich schrieb die ersten Bewerbungen und hatte ein Vorstellungsgespräch, was leider nicht so verlief wie ich gehofft hatte.
Also wieder ein Tiefschlag. Yeah – warum auch nicht? Sammle ich ja scheinbar.
Ich glaube ab da an hielt ich noch so 2 Wochen durch und brach dann zusammen – also innerlich und ging wieder zum Arzt.  Mein Plan erschreckte mich nämlich selber: Ich würde lieber sterben als da noch mal zu arbeiten.

Der Rest ist ja bekannt.
Also: Habe ich mich davon erholt? Ist es der Beruf oder nur die Stelle dort?
Gute Fragen. Schwerer Antworten.
Mein Arzt und ich planen eine Wiedereingliederung. Ist übrigens der selbe wie letztes mal. Er gab mir das Versprechen mir bei der Kündigung zu helfen, sollte es nicht klappen. Schon mal sehr beruhigend, dass ich mich nicht auf Teufel komm raus da durch schlagen muss/soll/darf.
Von der Art und Weise der Behandlung dort habe ich mich nicht erholt und sie schlug auch komplett in ein Kindheitstrauma ein (ich wurde damals gemobbt wegen meines Übergewicht und das meine Pubertät früher begann). Ich zweifel wirklich, dass ich das je wegstecken kann. Ich stand bereits einmal vor der Kita und das Ergebnis: Panikattacke. Und als ich mich vor dem Schlafen gehen damit beschäftigt habe war das Ergebnis: Panikattacke.
Lohnt sich eine Wiedereingliederung? Keine Ahnung.
Werde ich es probieren? Ja, kampflos habe ich noch nie aufgeben.
Wird mich das mitnehmen? Jap wird es, denn wir haben immer noch Probleme mit Struktur, ich bin immer noch bei einer Kollegin die mich klein hält und die Erinnerung an das Alte hängen in dem Gebäude. Neue Leitung neues Glück?! Der einzige Grund warum ich es noch mal probieren werde.

Fazit: Der Beruf verlangt viel von mir. Ich mag ihn auf der anderen Seite aber wirklich. Aber die Dinge über die ich jetzt gestolpert bin, können immer wieder kommen. Egal ob andere Leitung oder andere Kita.
Brennpunkt werden mehr, von Erzieherin wird immer mehr verlangt und die Altersmischung ist immer mehr im kommen. Menschen die ihren Beruf verfehlt oder schon zu lange dabei sind wird es immer geben. Und ich werde noch recht lange zu sensibel dafür sein.
Aber was ist dann die Lösung? Gibt es überhaupt eine?
Immerhin bin ich nun seit Anfang Dezember krank geschrieben, bin also sehr raus aus so ziemlich allem: Arbeit, Pädagogik und Strukturen.
Die Stelle also einfach wechseln ist nicht so einfach. Den dort kann man keine Wiedereingliederung machen. Diese ist aber gut um nach langer Zeit wieder in die Arbeit zu finden. Ich bräuchte also eine mega verständnisvolle Leitung, die so etwas verstehen würde.
Sich weiterbilden wäre eine Möglichkeit. Aber zu was? Ich interessiere mich für die Arbeit mit Kindern mit Behinderungen, allerdings bin ich dafür viel zu sensibel. Das würde ich vermutlich noch schlechter weg stecken.
Einfach kündigen und ein 450 € Jobber werden? Wäre von der Arbeitszeit leistbar für mich. Das Geld ist nicht gerade viel, ausziehen könnte ich so nicht und es bietet die Gefahr das man darin dann stecken bleibt. Lieber weiter 450 Euro verdienen als noch mal in die Ausbildung zu gehen oder so. Oder irgendwas in Teilzeit. Aber auch da wieder: Man kann darin versauern. Die Frage ist nur: Wäre das so schlimm? Keine Ahnung.
Die letzte Möglichkeit wäre: Sich wiedereingliedern zu lassen und dort wieder die Arbeit aufzunehmen (natürlich nur wenn es geht) und dort dann meinen Arbeitsvertrag zu erfüllen und mein bestes zu geben.

Btw; Könnte ich noch mal Kind sein? Bitte? Da war alles einfach.
Der Tipp meiner besten Freundin: Erst mal Therapie machen und das was passiert ist richtig verarbeiten. In der Ambulanz wird zwar das best Mögliche getan, aber es ist eben keine richtig tiefgehende Psychotherapie.
Und ich denke, dass ist tatsächlich das „einfachste“ um zu sehen wie es weiter geht. Aber geht man dann währenddessen wieder arbeiten? Oder ist man dann immer noch krank? Oder macht nur was kleines oder ehrenamtliches?
Gut das ich mir nicht den Kopf darüber zerbreche und keine Zukunftsangst habe – puuh das wäre ja noch mal richtig schlimm! *Ironie off*

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