Äußere Pflege und innere Pflege

Es gibt jemand ganz besonderen, welchen man bei einer depressiven Episode am schnellsten vergisst: Sich selber.
Meistens ist das Äußere zuerst dran. Bei mir ist es so und ich kenne ein paar Menschen bei denen es ähnlich ist. Gerade als Frau ist das auch recht schnell auffällig. Schminken, Haare stylen, Fingernägel machen, Rasieren und sogar duschen fallen recht schnell weg. Bei mir war es auch genau diese Reihenfolge, auch wenn ich bei einigen Dingen wie Fingernägel und Rasieren schon öfter mal geschlampt habe. Aber das war nichts im vergleich zu dem was während der Krisen passierte oder eben nicht passiert.
Ich habe versucht mit Deo, Parfum und Trockenshampoo das gröbste zu verbergen. Aber alleine die Tatsache, dass ich mich nicht mehr schminkte war so auffällig, das meine beste Freundin zu mir sagte: „Man merkt das es dir besser geht, du schminkst dich wieder!“ Habe nicht erwartet, dass das so aufgefallen ist. Und das ist ja auch nur etwas was man gerne sagt. Keiner hat mir gesagt ich hätte gestunken, ist aber sicher vorgekommen. Den auch meine Wäsche wurde nicht mehr so oft gewachsen wie es gut oder nötig gewesen wäre. Oft habe ich mir aus der dreckigen Wäsche nur das raus genommen was noch okay war. Und oft habe ich Kleidung so lange liegen lassen, bis sie gelüftet war und man sie wieder anziehen konnte.

Und ja: Das ist richtig eklig! Ist mir bewusst, war mir auch zu der Zeit bewusst. Es war mir nur einfach recht herzlich egal geworden.
Nichts hatte Sinn mehr in meinem Leben und Pflege am allerwenigsten.
Aber nicht nur mein Äußerers wurde nicht gepflegt. Auch meine Umgebung nicht mehr. Mein Auto müllte ich voll, immerhin aß ich oft unterwegs, denn meine Küche war schon komplett vermüllt. Abspülen? Wozu denn? Nur um es wieder dreckig zu machen. Total Sinnlos, also lassen wir das doch mal gleich sein. Die Küche war auch auf wohnungsebene so das erste. Dann folgte mein Zimmer, denn die Dinge die runter fallen muss ich ja nicht aufheben. Wozu denn? Alles sinnlos. Und so müllte auch dieses Zimmer voll. Müll brachte ich sehr sehr sporadisch runter. Und wenn ich wirklich aufräumte, dann hatte ich so viel Müll, dass ich mich nicht traute das in die Mülltonnen zu bringen. Dann würden die anderen Bewohner das ja merken. Und das wäre mir peinlich. In meine Wohnung würde ich die ja auch nicht lassen. Um genau zu sein: Niemanden ließ ich in meine Wohnung. Ich schämte mich viel zu sehr. Zu guter Letzt habe ich dann auch aufgehört das Bad zu putzten. Allerdings war das der einzige Ort den ich durch das Baden (mein Ersatz zum duschen 2 mal die Woche) oft benutzt und somit wurde es öfter mal gereinigt.

So viel zum Thema äußerliche Pflege. Wie gesagt, alles nicht schön und ich habe das auch nicht gewollt und darüber schon einmal einen Artikel geschrieben.
Mittlerweile pflege ich mich und meine Umgebung besser. Ich schminke mich oft, aber nur wenn ich Lust habe. Zwei mal in der Woche mache ich Haar und Gesichtsmaske und wasche meine Gesicht jeden Abend und Morgen. Und ich fühle mich damit wesentlich wohler und auch schöner. Ich achte auch sehr genau darauf, dass ich dabei bleibe. Ich habe gemerkt, wenn ich das schleifen lasse, dann bringt das schnell die Spirale der Depression in Gang (natürlich noch andere Dinge, aber die äußerliche Pflege hat definitiv ihren Anteil).

Nun kommen wir zum Thema innerliche Pflege: Für mich ist bei innerlicher Pflege folgendes wichtig:
– Freunde und Familie (soziale Kontakte)
– Ruhe und Entspannungsphasen
– Sportliche Aktivität
– Naturerlebnisse
– Hobbies nachgehen
Diese Dinge machen mich froh und glücklich und fördern meine innerliche Balance. Allerdings sind diese Dinge auch anstrengend bzw zehren an den Kräften. Und wenn man in der depressiven Episode ist, dann hat man vor allem keine Kraft mehr. Auch wenn sich diese Kraft lohnt.
Das schlimme an der innerliche Pflege ist, dass man die Vernachlässigung erst dann bemerkt, wenn es viel zu spät ist. Jedenfalls was bei mir und ein paar Bekannten so. Bei mir fing es so an, dass ich zu erst meine Hobbies wie lesen, schreiben, fotographieren und bloggen einstellte bzw reduzierte. Das bemerkte ich aber zuerst nicht so wirklich. Erst nach der Klinik, nach dem ich Zeit und Raum für mich und meine Hobbies hatte, merkte ich wie lange mir das fehlte und wie sehr ich das brauchte. Was ich im Nachhinein bemerkt habe, war das ich mehr Entspannung und Ruhe gebraucht hätte. Das es für mich sehr gut ist dieses gezielt einzusetzen um mit Stress, Kummer und Sorgen klar zu kommen. Ich habe mir zwar nach der Arbeit kaum noch etwas an Aufgaben gegeben, allerdings habe ich dann im Bett gegammelt und nachgedacht – schwerer Fehler und weit weg von gezielter Entspannung.
Nach dem diese Dinge eher nur für mich sichtbar und spürbar waren, kam als nächstes die soziale Isolation. Es fing ganz schleichend an. Man schrieb mit einem immer kleinern Kreis von Menschen. Und traf sich mit noch weniger Menschen. Man hat dafür keine Kraft. Aber Freunde und Familie tun einfach so unglaublich gut. Auch haben zwei Beziehungen zu Menschen diese Zeit nicht überstanden und ich habe nun keinen Kontakt mehr zu ihnen und auch einigen Bekannten fiel und fällt es schwer jetzt noch mit mir in Kontakt zu bleiben. Allerdings habe ich auch gelernt, dass ich nicht jeden in meinem Leben brauche. Die Menschen die mir wichtig sind, die wissen das und denen bin ich auch wichtig.
Sport und Natur sind zwei Dinge, welche ich eh nur im Sommer aktiv betreibe. Allerdings ist das auch ein schwerer Fehler. Natur erdetet mich. Räumt meinen Kopf frei und lässt mich durchatmen. Dazu kommt noch das Sonne die Produktion von Serotonin stimuliert und es einem damit besser geht. Das funktioniert auch im Herbst und Winter. Aber es ist kalt und mal will lieber drin bleiben. Etwas was ich diesen Herbst und Winter nicht mehr machen werde. Einmal die Woche geht es nach draußen. Egal was kommt.  Beim Sport ist es eher so, dass ich mich dort auspowern kann. Auch auf Bewegung reagiert der Körper positiv und es macht einen einfach happy. Es muss dabei nicht sein, dass man ins Fitnessstudio geht. Spazieren gehen reicht aus und erfüllt seinen Zweck und ich bin in der Natur.

Natürlich ist auch heute noch nicht immer die Kraft da ist, dass alles zu tun. Aber das kommt wieder und ich muss geduldig mit mir selber sein.
Und Kraft baut sich langsam auf und wenn es einen Tag nicht klappt, dann ist das kein Grund aufzugeben.  Aufgeben ist und bleibt der Anfang vom Ende – klingt doof, aber es trifft es sehr gut.
Durch den Vorsatz an jeden Tag eine Sache von den oben genannten zu machen, setzte ich mich zwar etwas unter Druck, aber da diese Liste von anstrengend zu chillig reicht, ist immer etwas dabei und wenn es nur das lesen eines Buches ist. So enttäusche ich mich an doofen Tagen nicht selber und kann an guten Tag stolz auf mich sein. Und genau das hilft mir langsam und Sück für Stück wieder in ein normales Leben zu kommen. Der Weg ist das Ziel 🙂

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2 Gedanken zu “Äußere Pflege und innere Pflege

  1. Wow mein Respekt Jen. Chapeau
    Du redest über das, was jeder Depressive kennt, aber niemals drüber reden würde. UND du sagst, wie sehr die Vernachlässigung die Depressive Spirale in Gang bricht. Komme ich in meine chaotische Wohung fühle ich mich noch wertloser, fauler und naja. Eben wie Müll. Es ist so erhebend, wenn man seinen Popo endlich hoch bekommt und anfängt auf zuräumen. Dann wird nicht nur der Müll weniger, sondern auch das Gefühl selber Müll zu sein 🙂 Du bist so weit gekommen, das ist wunderbar

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