Seit Januar 2017, also seit ich aus der Klinik entlassen wurde, merke ich einige positive Veränderungen in meinen Denkmustern und auch das ich neue Erkenntnisse gesammelt habe.
Die Krankheit „Depression“ verlangt von dir etwas. Sie verlangt das du nachdenkst, anfängst etwas zu ändern und legt dich gleichzeitig lahm um mit der Überforderung klar zu kommen. Durch zu Ruhe kommen wieder zu sich selber kommen, könnte man sagen. Depression ist ein Selbstschutz vor Situationen oder Ereignissen die einfach untragbar sind. Viele Menschen und auch gerade ich selber, erkennen diese Situation entweder nicht oder viel zu spät. In meinem Fall war es sehr spät. Hätte ich im Dezember 2016 nicht gehandelt und über meine Suizid Phantasien gesprochen, dann wäre ich vielleicht schon nicht mehr da. Meine Psyche forderte so den Schutz ein, welchen ich ihr nicht geben konnte bevor ich erkrankte. Ich glaube wirklich, dass viele Krankheiten oder auch Störungen einem etwas mitteilen wollen. Diabetes ist ein Zeichen für schlechte Ernährung, wenig Bewegung oder eben davon das die Bauchspeicheldrüse nicht mehr oder nie funktioniert. Kopfschmerzen, ständige Magen Darm Erkrankungen sind oft Anzeichen von Stress. Jede Krankheit möchte etwas ausdrücken, man muss nur lernen zuzuhören. Mir hat die Zeit in der Klinik und die Zeit in der Ambulanz geholfen das zu erkennen.
Das Buch „Wer bin ich ohne dich?“ von Ursula Nuber war mir ebenfalls eine große Hilfe bei diesen Erkenntnissen. In dem Buch wird gerade die weibliche Depression anaylisiert. Natürlich ist das auch eher allgemein gehalten. Allerdings habe ich mich oft darin wieder erkannt. So besagt das Buch, dass Frauen nicht einfach schwach sind, sondern sich die Probleme der anderen einfach (zu) sehr zu Herzen nehmen. Auch sind Frauen oft diejenigen die die meiste Arbeit in einer Beziehung an sich nehmen und genau das von ihrem Gegenüber (egal ob Beziehung, Familie oder Freunde) auch erwarten, allerdings sind (gerade die Männer) nicht in der Lage diese Bedürfnisse zu befriedigen. Die Frau lernt dann ihrer eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen und für nicht so wichtig zu empfinden. Aber die eigenen Bedürfnisse kann man nicht hinten anstellen, nur um andere Menschen zu gefallen – jedenfalls nicht ohne dabei irgendwann zusammen zu brechen. Eine Zeit lang kann jeder Mensch eine solche Last tragen, auf Dauer aber wird er daran kaputt gehen. Unser Umfeld ist zwar wichtig, allerdings sind wir selber uns immer am wichtigsten bzw sollte es so sein.
Gerade das ist für mich sehr schwierig, da ich früh gelernt habe, anderen Menschen zu gefallen und zu tun was sie von mir wollen. Aus den verschiedensden Gründen. Ich habe mich oft ausnutzen lassen von Menschen die mir nah stehen oder besser gesagt: gerade von diesen Menschen. Den ihnen wollte ich natürlich am meisten Gefallen und hatte nicht das Gefühl das mit meinem Wahren Ich zu tun. Grund dafür sehe ich mittlerweile ganz klar, dass ich in der Grundschule gemobbt wurde. Ich wurde gemobbt dafür, dass ich Übergewichtig (war) bin, dafür das ich Pickel bekam weil ich früher in die Pubertät kam und letztendlich auch einfach dafür das meine Haare braun waren und meine Augen grün. Kurz um: Ich reichte diesen Menschen. Dabei bin ich super wie ich bin und mehr als genug für solche Menschen.
Diese Erkenntnis brauchte lange um in meinen Kopf zu kommen. Ich bin gut, ich bin genug und man mag mich so wie ich bin. Es gibt Menschen die mich lieb haben, Menschen die meine Freunde seien wollen, auch wenn ich mal Nein sage oder etwas nicht möchte. Ich versuche nun positiv über mich zu denken. Mich nicht selber fertig zu machen. Wenn etwas nicht klappt, dann bin nicht ich doof und scheiße. Die Planung war doof oder die Umsetzung oder die anderen Menschen. Natürlich bin ich für die Planung verantwortlich, aber ich darf Fehler machen. Dadurch kann ich lernen wie es besser geht. Jeder macht Fehler. Das ist nur menschlich und macht mich nicht gleich zu einem schlechten Menschen.

Auch durch die Depression habe ich mehr bzw überhaupt etwas über meine eigenen Grenzen gelernt. Jeder hat Grenzen – ich auch. So habe ich aber lange nicht gehandelt und gelebt.  Ein Nein ist kein Weltuntergang. Es ist keine Schande zu sagen, dass man eine Pause braucht. Stress ist extrem und verlangt uns viel ab, da ist es vollkommen in Ordnung seine Grenze zu kennen und diese einzufordern.
Diese Woche habe ich das erste Mal wirklich bewusst und aktiv meine eigenen Grenzen eingefordert. Ich habe zwei harte Dienste auf der Arbeit gehabt. Nach zwei Tagen war ich total erschöpft und konnte nicht mehr. Ich habe diese Warnzeichen ernst und angenommen und am nächsten Tag auf der Arbeit darüber mit meiner Kollegin gesprochen. Es war überhaupt kein Problem, es wurde einen Moment nachgedacht und schon hatten wir eine Lösung gefunden. Mit dieser Lösung scheint es auch ganz gut zu klappen. Die Kollegen bekommen es auf die Reihe und ich genauso. Stressig ist mein Beruf auch ohne diese extrem Situation. Damit kann ich aber mittlerweile ganz gut umgehen. Ich bin stolz auf mich, dass ich nun auch in der Lage bin Probleme anzusprechen und das gelernte umzusetzen.

Ich arbeite nun also 4 Stunden, akzeptiere meine Grenzen und kann sie einfordern. Im Moment bleibt so gut wie nichts liegen. Haushalt, Arbeit, Freunde und Familie bekommen meine Aufmerksamkeit und auch ich selber widme mir genug Aufmerksamkeit. Ich pflege mich, ich ruhe mich aus und ich freue mich über mein Leben. Und im Oktober geht es ab in Urlaub 🙂

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